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Demut und Stolz brauchen sich gegenseitig

Posted on 25 April 2012 by Helge Seekamp

 Legt alle das Kleid gegenseitiger Demut an, denn Gott stellt sich den Hochfahrenden in den Weg, aber den Demütigen gibt er Gnade!
1. Petr. 5, 5

Wie kombinieren sich Selbstbewusstsein mit Demut idealerweise?

 

Vielleicht ist bei dir ja Demut „unten durch“? Ist heutzutage nicht Selbstbewusstsein angesagt, die Freude über sich und seine Fähigkeiten, eine Selbstsicherheit, die in den Familien, der Arbeit und den Schulen unerlässlich sind? Wo sollte dort die Demut einen Raum finden?

Ich möchte das alte Wort Demut wieder aufrichten. Vielleicht gefällt Ihnen der Begriff Bescheidenheit besser? Aber, das rettet den Begriff Demut auch noch nicht. Die meisten hören, wenn sie demütig sein sollen, die Aufforderung zur Unterwürfigkeit Selbst-Verleugnung, Scham und  Selbsterniedrigung. Dabei war er früher einmal Ausdruck für „Dienstwilligkeit“ (Mittelalter, gut in der Ständegesellschaft). Aber ist das nicht auch heute ein notwendiges Ideal. Würdest du lieber mit einem motivierten, dienstbereiten Mitarbeiter zusammen arbeiten oder eher mit einer Person, die unzuverlässig und zögerlich reagiert, wenn ein gemeinsames Projekt umzusetzen ist?

 

Gnade für den vielgeschmähte Begriff „Demut“

Wieso ist Demut eigentlich in ein solch schlechtes Licht gerückt? Ich glaube, dass Demut nur leben kann mit einer gehörigen Portion Stolz. Ja, wirklich: Stolz! Dieses Wort ist bei vielen auch in Misskredit geraten. Beide brauchen sich gegenseitig. Stolz und Demut können nur paarweise existieren. Warum?

Ich möchte es einmal so sagen:  Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Wippe: auf der einen sitzt Stolz auf der anderen Seite Demut. Beide müssen da sein, um eine ausgewogene Balance zu finden.

Oder vielleicht ein besseres BILD: Stolz und Demut sind wie der linke und rechte Flügel eines Vogels/Flugzeugs… Beide sind nötig und zwar gleich stark, gleich lang, um geradeaus fliegen zu können. Keine goldene Mitte und auch nicht unbedingt so kleine Stummelflügelchen. Es dürfen ruhig ein weit ausholendes, ausgeprägtes Flügelpaar sein. Damit geht es in die Lüfte.

Denn was würde passieren wenn der Stolz alleine wäre?  Als FLügel klar: ein Absturz steht bevor, bzw. das Fliegen ist gar nicht möglich. Aus Stolz ohne die Ergänzung der Demut und Bescheidenheit würde sich sehr schnell Hochmut entwickeln, der Übermut und das ganze übrige Arsenal der Großartigkeiten und Übertreibungen unserer Gesellschaft. Auf der anderen Seite: was würde es eine Demutsübung mit uns machen, wenn ein gesundes Selbstbewusstsein als Ausgleich fehlen würde? Demut verkehrt ihr positives Wesen und wird zur Unterwürfigkeit und Unsicherheit der Menschen führen. Kann es sein, dass wir mit unserer üblichen Kritik an der Demut in Wahrheit die übertriebene, pervertierte Demut abwehren wollen?

 

Jeder braucht eine Portion Stolz

Wenn das alles so stimmt, braucht die Demut also immer die gewisse Portion Stolz und jeder Stolz muss sich möglichst durch demütige Bescheidenheit begrenzen lassen. Beide brauchen sich gegenseitig.

Vielleicht hören Sie nun die Aufforderung, das „Kleid gegenseitiger Demut anzuziehen“, jetzt mit ganz anderen Ohren. Gesunde Demut führt eben nicht zur Selbstkasteiung sondern bedeutet das genaue Gegenteil. Es ist die Rettung vor der zerstörerischen Hochmut der Menschen.

Und wie nötig brauchen wir solche Demut als rettende Medizin gegen die urmenschliche Krankheit der Hybris. Die erleben wir nicht nur im globalen Ausmaß bei raffgierigen oder herrschsüchtigen Personen da „ganz oben“, sondern auch unter den sogenannte „kleinen Leuten“, wo eine sich vor dem anderen großmannsüchtig herausputzt. Nach meiner Einschätzung leidet unsere Kultur heute eher unter der Übertreibung von Stolz als unter einer übertriebenen Demütigkeit. Da ist die Wippe eher in Richtung Stolz gekippt.

 

Was bedeutet Ihnen die Begründung des Apostels? 

Petrus sieht mit dem Fall des Hochmütigen aber Gott im Spiel: Gott stellt sich dem Hochmuth in den Weg. Denen, die ihr gesundes Selbstbewusstsein pflegen und zugleich ihrer Schwächen und Grenzen realistisch und demütig akzeptieren, denen aber gibt Gott Rückenwind. Oder sollten wir sagen Aufwind?

 

Im Alltag wird es bei uns darauf ankommen, das weise Maß zu finden: Wann wären mehr Demut oder Bescheidenheit angesagt, wann aber sollten Selbstbewusstsein und Stolz mehr Gewicht bekommen? Prüfen Sie es! Finden Sie es heraus!

Das wäre eine hervorragende Übung für „Glaube am Montag“, immer beide als Paarling vor Augen zu haben.  Und am besten dabei mit der Unterstützung eines Gottes zu rechnen, der sich selbst demütigt, sich um der Menschen willen niedrig gemacht hat. Denn das ist das Wunder, dass wir in der Geburt, im  Leiden und Sterben Jesu bestaunen. Auf der anderen Seite ermutigt uns das Wunder der Auferweckung Jesu, dass dieser Gott uns aufrichten wird aus jedem Leid und unmenschlicher Erniedrigung. Das ist gewiss. Das ist die Hoffnung, die mich trägt. Darauf bin ich stolz.

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Über mich

Helge Seekamp ist mit 50% als Pfarrer in der ev.-ref. Kirchengemeinde St. Pauli (Lemgo) angestellt, mit weiteren 50% wirkt er als Geschäftsführer von http://www.endlich-leben.net seit 1994 (Gründungsmitglied) bei der Entstehung eines diakonischen Selbsthilfenetzwerks mit. Ehrenamtlich entwickelt er als Vorsitzender von ACC-Deutschland (Association of Christian Counsellors in Deutschland) www.acc-dachverband.de die Qualitätssicherung von BeraterInnen im Kontext der Deutschen Gesellschaft für Beratung weiter. Meine wissenschaftlichen Texte finden sich im Research-Network: Follow me on ResearchGate

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