„Seelsorge ist Gemeindeaufbau“

Posted on 16 Januar 2007 by Helge Seekamp

Die Habiliationsschrift von Johannes Zimmermann

Gemeinde zwischen Sozialität und Individualität Gmeinde zwischen Sozialität und Individualität.
Herausforderungen für den Gemeindeaufbau im gesellschaftlichen Wandel
Paperback – 568 Seiten
Reihe: BEG 3
1. Auflage 2006
Preis: 44,90 €
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Auf 568 Seiten begründet Zimmermann in einmaliger Weise, welche Art von Gemeindeaufbau in unserer Zeit (Kairologie) angemessen ist.

(zur ausführlichen Fassung? hier!)
Das Ergebnis von Zimmermann vorweg:
Zimmermann sieht aus (und zitiert Kaufmann, Franz-Xaver. Religion und Modernität. Sozialwissenschaftliche Perspektiven, Tübingen 1989. S. 226)
„erfahrungswissenschaftlicher Sicht eigentlich nur zwei Wege, um zu einem in theologischer Hinsicht qualifizierten Glauben zu gelangen: entweder die länger dauernde Einbindung in religiös motivierte Gruppen oder die Identifikation mit Personen, die als Vorbilder erfahren werden“ S. 282
Er fasst die Ergebnisse der Wissenssoziologie (Peter L. Berger) so zusammen:
„Glaube ist und bleibt dadurch plausibel, dass ein Umfeld vorhanden ist, das diesen Glauben auch in der Situation der kognitiven Minderheit innerhalb der Gesellschaft plausibel erhält.“ S. 286
Was bedeuten diese Ergebnisse für die konkrete Arbeit?
Menschen müssen fähig gemacht werden, ihren Glauben auch im Gegenwind der pluralen Gesellschaft durchzuhalten und auszudrücken.
„Für den Gemeindeaufbau folgt daraus eine Doppelstrategie: Gemeindeaufbau wird sich auf
der einen Seite auf das konzentrieren, was die Diasporafähigkeit stärkt, indem es zur „inneren“
Plausibilität beiträgt (a), und auf der anderen Seite im Wissen um die geschöpflichen
Grenzen zugleich die Gemeinde als Plausibilitätsstruktur gestalten, die als Stütz-Struktur es
dem Einzelnen ermöglicht, auch in der Situation der kognitiven Minderheit seinen Glauben zu leben. Da es unrealistisch wäre, alle Christen zu „religiösen Virtuosen“ zu bilden, ist es angemessener, Menschen, die auf sozialen Stützen angewiesen sind, nicht zu überfordern, sondern durch Gemeinden zu unterstützen“ S. 289
Das Ergebnis lässt sich mit der Formel zusammenfassen: Christsein leben kann man nicht ohne konkrete (versammelte) Gemeinde. Insofern hat Gemeindeaufbau Priorität, indem Menschen miteinander vernetzt leben.
Aber was bedeutet das konkret für die Aufgaben des Pfarrers?
Zimmermann meint, man kann
„als Primärziel pastoralen Handelns den Aufbau und die Aktivierung ‘sozialer Beziehungsnetze’ als Träger und Plausibilitätsstruktur christlicher Sinngehalte kennzeichnen“ S. 291
„Amtshandlungen und Kirchenbesuch hingegen sind für Gabriel als Indikator pastoralen Erfolgs unzureichend. Als „Globalindikator“ dürfte „die Zahl und insbesondere die Vielfalt (Spannweite, Differenziertheit) von ‘sozialen Beziehungsnetzen’, in denen christliche Sinngehalte zum Ausdruck kommen, einer ‘Messung’ pastoralen Erfolgs am nächsten kommen“ S. 292
Diese Prioritätssetzung hat Folgen für alle Teildisziplinen der Praktischen Theologie.
Alle Tätigkeiten (Gottesdienst, Seelsorge, Diakonie, Bildung, Öffentlichkeitsarbeit, Amtsverständnis) müssen also so gestaltet werden, dass sie in den Gemeindeaufbau einbezogen werden und den Anforderungen an die „neue“ Pastoral entsprechen.
Diese „neue“ Pastoral setzt auf missionarische Ausstrahlung von gelebten verbindlichen Gemeinden und Evangelisation statt auf die Alternative „Wiederherstellung der Volkskirche mit dem Ideal der „christentümlichen Gesellschaft“ .
Die alte Pastoral lässt sich so zusammenfassen:
• Kirchenmitgliedschaft ist selbstverständlich
• die „primäre Religion“ wird fast ausschließlich fokussiert
• die „Betreuungskirche“ ist Normalfal
• Kirche sieht ihre Aufgabe als „religiöse Dienstleistungen“
Vgl. S. 276ff
Für eine Übergangszeit gilt aber:
„Insgesamt ergibt sich so eine Doppelstrategie, die einerseits darin besteht, noch vorhandene volkskirchliche Plausibilitätsstrukturen zu erhalten. Zugleich und vor allem besteht die Aufgabe für den Gemeindeaufbau darin, Brücken hin zu „neuen“ Plausibilitätsstrukturen zu schlagen und „neue“ Strukturen zu bilden“ S. 279
Mich interessieren besonders die Ergebnisse für den Bereich der Seelsorgepraxis.
Und Zimmermann kann überzeugende Argument für eine Seelsorgepraxis zusammentragen, die zugleicht den Gemeindeaufbau fördert.
Die Spitzenthese Zimmermanns „Seelsorge ist Gemeindeaufbau“ begründet er so:
„Auf der einen Seite ist Seelsorge Ziel des Gemeindeaufbaus; „Gemeindeaufbau“ hat die Aufgabe,Seelsorge in der Gemeinde und durch die Gemeinde zu ermöglichen und zu fördern.Umgekehrt ist Gemeindeaufbau Ziel der Seelsorge; mehr noch: Insofern Seelsorge „Erbauung“ im Sinne der οἳκοδομή bewirkt, kann man sagen: Seelsorge ist Gemeindeaufbau.“ S. 208
Seine Seelsorgedefinition:
Seelsorge ist „der Auftrag der Gemeinde Jesu Christi, den Einzelnen
im Glauben zu fördern und im Leben zu begleiten“.S. 211

Die Konsequenzen formuliert er so:
Die Konsequenzen formuliert er so:
„5.7.1 Seelsorge ist Auftrag der Gemeinde Jesu Christi: Während ein „enges“ und sich auf die
cura specialis beschränkendes Verständnis von Seelsorge oft der Gefahr erliegt, den Gemeindebezug
zu vernachlässigen oder aber „Seelsorge“ ausschließlich vom „Amt“ her verstanden
wird, zielt der Ausgang bei der Gemeinde darauf, die spezielle Seelsorge in ein „weites“ Verständnis
von Seelsorge einzubetten, das nicht pastoraltheologisch, sondern gemeindetheologisch
ansetzt und den Gemeindebezug konstitutiv im Seelsorgeverständnis verankert244. Das
wendet sich nicht gegen Formen besonderer Zuständigkeit und Ansprechbarkeit, sondern nur
dagegen, diese exklusiv zu verstehen.
5.7.2 Seelsorge wendet sich an „den Einzelnen“, an Menschen in ihrer Individualität, mit
ihrer unverwechselbaren Geschöpflichkeit und Geschichte. Zunächst an den Einzelnen als
Glied der Gemeinde Jesu, die durch die Taufe an ihn gewiesen ist. Da jedoch der Auftrag der
Gemeinde insgesamt grenzüberschreitend ist (Mt 28,16-20), kann auch Seelsorge nicht an den
Grenzen der Gemeinde Halt machen245. Die gegenseitige Fürsorge in der Gemeinde Jesu hat
nicht exklusiven, sondern inklusiven Charakter. Von daher hat Seelsorge stets auch eine diakonische
und eine missionarische Dimension246, zu beiden hin sind die Grenzen fließend.
5.7.3 Aufgabe, Inhalt und Ziel der Seelsorge besteht darin, „Menschen im Glauben zu fördern
und im Leben zu begleiten“. Das Gegenüber von „Glauben“ und „Leben“ soll nicht als Trennung
beider verstanden werden, sondern wesentliche Bezüge der Seelsorge zur Sprache bringen:
Es geht um den Menschen in seiner leib-seelischen Ganzheit und seiner sozialen Verfasstheit247ebenso
wie in seiner Verwiesenheit auf Gott, um die Dimension coram mundo ebenso
wie coram Deo. Mit der Formulierung wird einerseits das Verständnis von Seelsorge
als Lebensbegleitung und der damit verbundene Versuch, das „Defizienzmodell“ zu überwinden,
weitergeführt248, andererseits wird an die Unterscheidung von „Glaubenshilfe“ und „Lebenshilfe“
249 bei Helmut Tacke angeknüpft; im Unterschied zu dieser soll das „Fördern“ bewusst
über das „Helfen“ und die damit verbundenen Anklänge an das Defizienzmodell hinausgehen.
5.7.4 „Im Glauben fördern und im Leben begleiten“ kann in drei Bereiche differenziert werden:
Zum Glauben hinführen (a) – im Glauben stärken und vergewissern (b) – zum Wachstum im
Glauben verhelfen (c). Wenn bei diesen Bereichen nur noch vom „Glauben“ und nicht mehr
vom „Leben“ die Rede ist, so bedeutet das nicht, dass dieses ausgeklammert wäre. Die Hinführung,
Stärkung und das Wachstum im Glauben erfolgen nicht abstrakt, sondern in konkreten
Lebenssituationen, in denen sich Glaubensförderung und Lebensbegleitung verschränken.“
S. 211

Endlich-Leben-Gruppen können sehr fruchtbar in diese Zielsetzung eingebunden werden:
Sie nehmen eine Zwischenpositition ein zwischen Modellen, die zum Glauben hinführen und zum Wachstum im Glauben verhelfen. Da sie dabei ausdrücklich an der Selbsterfahrung der Menschen anknüpfen, wird dieses Angebot für die Menschen im 21. Jahrhundert sehr plausibel.

Dabei können sich endlich-leben-Gruppen als endlichine wichtige Form (Zellenbildung) gut in eine größere Palette von seelsorgerlichen Diensten einordnen lassen:

„Seelsorgliche Möglichkeiten sieht Morgenthaler auf drei Ebenen241: a) in der Stärkung ‘natürlicher’
Beziehungen im unmittelbaren sozialen Umfeld (‘Oikos’); b) Kleingruppenbildung
bzw. „Zellenbildung (‘ecclesiola in ecclesia’)“ (22); c) Laiendienste auf Gemeindeebene oder
auf regionaler Ebene, die von Professionellen begleitet werden. Die Umsetzung vor Ort soll
durch Projekte mit konkreten Zielen erfolgen. Gelingen sie, wirken sie motivierend und können
exemplarischen Charakter bekommen.
Bemerkenswert ist in dieser Skizze Mehreres: Die Verbindung von Seelsorge und Gemeindeaufbau
in einer „gemeindezentrierten“ Perspektive muss nicht notwendig mit einer Abwertung
professioneller Seelsorge verbunden sein, sie sieht aber deren Ambivalenzen und Grenzen.
Sie wendet sich nicht gegen „amtliche“ Seelsorge als solche, wohl aber gegen ein Monopol
des Amtes in der Seelsorge“ S. 211

Die Stärke des endlich-Leben-Gruppen-Ansatzes wird deutlich, wenn man die Seelsorgedefinition der sogenannten „interkulturellen Seelsorge“ von Schneider Harprecht betrachtet:
Interkulturelle Seelsorge – systemisch, ganzheitlich, Selbsthilfe

Spannend ist ein Aspekt: ist Seelsorge notgedrungen Defizit orientiert?
Auf Nitzsch geht eine Dreiteilung der Seelsorge (leidender – sündiger – irrender Mensch) zurück.
Um auch die „ proficientes“ mit einzubezieheniehen, erweitert Zimmermann bei  Seelsorge die drei Anlässe der Seelsorge zu den Bereichen
• Ergehen/Erleben (statt nur Leiden)
• Verhalten (statt nur Sünde)
• Glauben (statt nur Irrtum).“ S. 195
Diese Erweiterung ist für Endlich-Leben-Gruppen sehr hilfreich, insofern eben nicht nur die Fehlformen menschlichen Lebens korrigiert werden, sondern die Förderung des Ergehens, Verhaltens und Glaubens angestrebt werden (Motto: „Endlich Leben!“).

Gemeinden können eine Menge profitieren von dem Modell (immer populärer werdenen) Systemische Seelsorge (Morgentaler):
• Gemeinde als „System“
• Auch Ziemer beachtet stärker kontextuelle Faktoren: Seelsorge und Gruppe/Gemeinde 2001

Um Gemeindeaufbau und Seelsorge zusammenzuhalten, ist es wichtig, von einem Trend in vor allem freikirchlichen Kontexten (USA) oder auch in der speziellen englischen Situation (dort ist die Counselling-Berufsdefinition gesellschaftlich institutionalisiert) zu lernen:
Probleme machen in den USA die Vielzahl privater christlicher Therapeuten und Seelsorger wie es in dem Buch
„Counseling and Community“ des am Ontario Bible College und Ontario Theological Seminary
lehrenden Rod Wilson nachzulesen ist:
„Private Christian counselor“ ist für Wilson eine „contradiction in terms“. Der Zusammenarbeit
von Gemeindepastoren und solchen „privaten“ Seelsorgern gilt von daher sein besonderes
Augenmerk: „Both pastors and private counselors need to reaffirm the priority of community
and its power in the healing process“ (XII). Damit unterstreicht er Zimmermanns Anliegen so:
„The thesis of this book is tied to this assumption: We need a counseling approach that is communitiy-oriented rather than exclusively focused on the individual“ (XII). vgl. S. 193

Ist die vorgelegte Arbeit von Zimmermann plausibel?

Seine Gliederung beginnt mit notwendigen Definitionen der Begriffe:

I. „GEMEINDE“ UND „GEMEINDEAUFBAU“ ALS THEMA UND AUFGABE DER
PRAKTISCHEN THEOLOGIE
Nach der erfolgten ekklesiologischen Grundlegung widmet sich ein längerer
Teil der Arbeit mit der Darstellung, Würdigung und Kritik gegenwärtiger praktischtheologischer
„Gemeindetheorie“ befassen. Zimmermann arbeitet die für sein Thema entscheidenden Grundfragen heraus: die Frage nach dem Verhältnis zwischen Gemeinde und Einzelnem, zwischen Individualität und Sozialität.

Das hilft ihm eine Typologie (§3) zum „Gemeindeaufbau zu erarbeiten:
• Christianisierung
• religiöse Individualität
• missionarischen Gemeindeaufbau
Sein Herz schlägt beim dritten Typus, den er durch seine Arbeit als zugleich theologisch und zeitgemäß begründen möchte.

II: Der ausführliche zweiten Teil: Das Verhältnis zwischen der Gemeinde und dem Einzelnen
Hier argumentiert er  theologisch nach zwei Richtungen
•   biblisch-theologisch (§4):
•   poimenisch (§5)
Nach einem Überblick über die neuere Seelsorge-Diskussion klärt er, was „Gemeinde“ für die Seelsorge bedeutet.
Und das hat Folgen für „Seelsorge“. Sein Verständnis „Seelsorge ist Gemeindeaufbau“  hat weitreichende Auswirkungen auf beide Seiten!

III: Zimmermanns dritter Teil zieht eine Außenperspektive hinzu: Die Wissenssoziologie
Die soziologische Kategorie der „Plausibilitätsstruktur“ bei Peter L. Berger nutzt er, um die Notwendigkeit von Gemeindeaufbau im Kontext der „Moderne und Postmoderne“ von außen zu begründen.
• Zimmermann kann den Entwurf Peter L. Bergers ausführlich dargestellen und seine Stärken und Grenzen erörtern (§6).
• In einem zweiten Durchgang (§7) wird die Kategorie „Plausibilitätsstruktur“ auf die Situation der christlichen
Gemeinde im gesellschaftlichen Wandel in der Neuzeit angewandt, auf die „Gemeinde zwischen
Volkskirche und Diaspora“ (E. Winkler).
• §8 fragt dann nach den Konsequenzen für den Gemeindeaufbau und versucht, anhand des Gegenübers von „alter“ und „neuer“ Pastoral Umrisse eines zukunftsorientierten Gemeindeaufbaus zu zeichnen.
IV: Sein vierter Teil ist kürzer und gibt einen exemplarischen Ausblick (§9) auf die praktisch-theologische Kategorie „Haus“. Hier skizziert er eine Sozialform christlicher Gemeinde, in der sich die unterschiedlichen Perspektiven verbinden.
Damit kann er theologisch und  (wissens-)soziologisch die Notwendigkeit, aber auch Stärken und Gefährdungen des Modells „Hauskreisarbeit“ begründen und als wichtige Verbindungsform  zwischen Kleinfamilien und (Orts-)Gemeinde fordern.

Würdigung und Kritik:

Zimmermann hat einen ausführlich begründeten großen Wurf hingelegt, in dem er einen missionarischen Gemeindeaufbaus als die zeitgemäße Aufgabe für die Kirche fordert. Er kann überzeugend belegen, dass die alternativen Ansätze, die sich auf das Individuum konzentrieren und die Gemeinschaftsbildung und den Gemeindeaufbau auslassen, im 21. Jahrhundert keine Zukunft haben.
Zugleich wirbt er für die Dauer der Übergangszeit für eine pragmatisch orientierten Doppelstrategie, um den Übergang aus volkskirchlicher Zeit in die neue Pastoral zu gestalten. Man kann ihm auch nicht vorwerfen, dass er die berechtigten Aspekte anderer ekklesiologischer Ansätze übersieht. Seine Arbeit wird zukünftig als Referenz für alle weiteren Auseinandersetzungen um missionarischen Gemeindeaufbau gelten können.
Sehr wertvoll ist sein Beitrag auch, weil er die Seelsorge (Pomenik) neu auf das Thema Gemeindeaufbau und umgekehrt beziehen konnte.

Ein wichtiges Ergebnis ist sicher, die Säkularisierungshypothese zu relativieren. Die Folgen: eine hervorragende, differenzierte Analyse der Gründe für die besondere Situation in Ostdeutschland. Jedes missionarische Gemeindeaufbauprojekt für den Osten Deutschlands muss in Zukunft darauf Bezug nehmen.

Interessante Verweise auf die Kirchengeschichte zum Thema (von Luther, Spener, Zinzendorff, Wesley) regen für die heutige Praxis zum Nachdenken an.

Kritik:
Meine Kritik hat zwei Aspekte:
• Formal: sich durch diese Arbeit hindurchzulesen ist sicher eine große Herausforderung, an dem die Praktiker der Gemeinde oft scheitern werden. Ich kritisiere den Schreibstil, der verständlicher, übersichtlicher (auch vom Satz her) und z.T. kürzer, aber an anderen Stellen ruhig konkreter hätte werden können. Hier wünschte ich mir für die Gattung „Habilitationsschrift“ in Deutschland eine dringende Reform.
Hier mein Verbesserungs-Vorschlag zu einem willkürlich gewählten Text von Zimmermann auf S. 211:
ORIGINAL:
„ 5.7.3 Aufgabe, Inhalt und Ziel der Seelsorge besteht darin, „Menschen im Glauben zu fördern
und im Leben zu begleiten“. Das Gegenüber von „Glauben“ und „Leben“ soll nicht als Trennung
beider verstanden werden, sondern wesentliche Bezüge der Seelsorge zur Sprache bringen:
Es geht um den Menschen in seiner leib-seelischen Ganzheit und seiner sozialen Verfasstheit247ebenso
wie in seiner Verwiesenheit auf Gott, um die Dimension coram mundo ebenso
wie coram Deo. Mit der Formulierung wird einerseits das Verständnis von Seelsorge
als Lebensbegleitung und der damit verbundene Versuch, das „Defizienzmodell“ zu überwinden,
weitergeführt248, andererseits wird an die Unterscheidung von „Glaubenshilfe“ und „Lebenshilfe“
249 bei Helmut Tacke angeknüpft; im Unterschied zu dieser soll das „Fördern“ bewusst
über das „Helfen“ und die damit verbundenen Anklänge an das Defizienzmodell hinausgehen.“

Meine Alternativversion orientiert sich an die 4 Grundkriterien für Verständlichkeit:
• Einfachheit
• Gliederung/Ordnung
• Kürze/Prägnanz
• anregende Zusätze (Beispiele)
ALTERNATIVE:
5.7.3.: Welche Aufgaben hat Seelsorge?
„Menschen im Glauben fördern und im Leben begleiten“
Ich unterscheide „Glauben“ und „Leben“ aus mehreren Gründen, um das ganze Wesen von Seelsorge zu erfassen, sehe beides aber nicht als getrennte Wirklichkeiten (dazu später mehr):
• Der Mensch ist eine Einheit aus Leib, Seele und seinen Beziehungen zu Mitmenschen und zu Gott
(das entspricht den zwei Dimensionen „coram mundo“ und „coram Deo“).
• Ich knüpfe damit an der bewährten Unterscheidung (seit Helmut Tacke) „Glaubenshilfe“ und „Lebenshilfe“ an.
• Ich führe diesen Ansatz aber weiter, indem ich das „Fördern“ bewusst nenne. Das ist neu und geht über den Begriff „Helfen“ bei Tacke hinaus.
• So kann ich das Anliegen der Theologen aufnehmen, die ein „Defizienzmodell“ (s.o.) ablehnen.
Mit meiner Definition von Seelsorge sorge ich also dafür, dass auch die Stärken der Menschen im Blick bleiben und aktiv verbessert werden.

• Inhaltlich:
Die Grundanliegen von Peter L. Berger hat Zimmermann sehr fruchtbar aufgenommen und auf seine Thematik bezogen. Auf die theologische Herausforderung, die Berger aber mit seiner „induktiven Theologie“ (vgl. Auf den Spuren der Engel „ ganz als Schleiermacherschüler) vorschlägt, geht Zimmermann nicht ein. Dieser Ansatz wäre sicher fruchtbar für die Mission im 21. Jahrhundert.
Zugleich scheint sich Zimmermann die radikale Infragestellung von Bergers Ansatz der „Wissenssoziologie“ (nicht zu verwechseln mit Soziologie) nicht ganz gestellt zu haben. So differenziert er in seiner Arbeit zwischen beidem nicht immer und muss zwischen interner und externer Plausibiliät unterscheiden (was im Sinne von Berger nicht zu trennen wäre). Vielleicht kann diese Spezialität von Peter L.Berge in einem weiterführenden Buch, das die Herausforderungen der „Kirche in der Postmoderne“ (Stichwort: radikaler Konstruktivismus) theologisch gewürdigt werden? Zimmermanns Anliegen war ja vor allem, die bisherige Pastoral für eine gut begründete „neue“ Pastoral der Volkskirche zu begründen.

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P.S. mir lag noch eine interne Ausgabe der Habilitationsschrift vor, so dass die Seitenzahlen zur Zeit leider nicht mit der Buchversion übereinstimmen.

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Über mich

Helge Seekamp ist mit 50% als Pfarrer in der ev.-ref. Kirchengemeinde St. Pauli (Lemgo) angestellt, mit weiteren 50% wirkt er als Geschäftsführer von http://www.endlich-leben.net seit 1994 (Gründungsmitglied) bei der Entstehung eines diakonischen Selbsthilfenetzwerks mit. Ehrenamtlich entwickelt er als Vorsitzender von ACC-Deutschland (Association of Christian Counsellors in Deutschland) www.acc-dachverband.de die Qualitätssicherung von BeraterInnen im Kontext der Deutschen Gesellschaft für Beratung weiter. Meine wissenschaftlichen Texte finden sich im Research-Network: Follow me on ResearchGate

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