“Seelsorge ist Gemeindeaufbau”
Geschrieben von admin in Allgemein, Kirche, rezension, wissenschaftDie Habiliationsschrift von Johannes Zimmermann
Gemeinde zwischen Sozialität und Individualität Gmeinde zwischen Sozialität und Individualität.
Herausforderungen für den Gemeindeaufbau im gesellschaftlichen Wandel
Paperback – 568 Seiten
Reihe: BEG 3
1. Auflage 2006
Preis: 44,90 €
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Auf 568 Seiten begründet Zimmermann in einmaliger Weise, welche Art von Gemeindeaufbau in unserer Zeit (Kairologie) angemessen ist.
(zur ausführlichen Fassung? hier!)
Das Ergebnis von Zimmermann vorweg:
Zimmermann sieht aus (und zitiert Kaufmann, Franz-Xaver. Religion und Modernität. Sozialwissenschaftliche Perspektiven, Tübingen 1989. S. 226)
„erfahrungswissenschaftlicher Sicht eigentlich nur zwei Wege, um zu einem in theologischer Hinsicht qualifizierten Glauben zu gelangen: entweder die länger dauernde Einbindung in religiös motivierte Gruppen oder die Identifikation mit Personen, die als Vorbilder erfahren werden“ S. 282
Er fasst die Ergebnisse der Wissenssoziologie (Peter L. Berger) so zusammen:
„Glaube ist und bleibt dadurch plausibel, dass ein Umfeld vorhanden ist, das diesen Glauben auch in der Situation der kognitiven Minderheit innerhalb der Gesellschaft plausibel erhält.“ S. 286
Was bedeuten diese Ergebnisse für die konkrete Arbeit?
Menschen müssen fähig gemacht werden, ihren Glauben auch im Gegenwind der pluralen Gesellschaft durchzuhalten und auszudrücken.
„Für den Gemeindeaufbau folgt daraus eine Doppelstrategie: Gemeindeaufbau wird sich auf
der einen Seite auf das konzentrieren, was die Diasporafähigkeit stärkt, indem es zur „inneren“
Plausibilität beiträgt (a), und auf der anderen Seite im Wissen um die geschöpflichen
Grenzen zugleich die Gemeinde als Plausibilitätsstruktur gestalten, die als Stütz-Struktur es
dem Einzelnen ermöglicht, auch in der Situation der kognitiven Minderheit seinen Glauben zu leben. Da es unrealistisch wäre, alle Christen zu „religiösen Virtuosen“ zu bilden, ist es angemessener, Menschen, die auf sozialen Stützen angewiesen sind, nicht zu überfordern, sondern durch Gemeinden zu unterstützen“ S. 289
Das Ergebnis lässt sich mit der Formel zusammenfassen: Christsein leben kann man nicht ohne konkrete (versammelte) Gemeinde. Insofern hat Gemeindeaufbau Priorität, indem Menschen miteinander vernetzt leben.
Aber was bedeutet das konkret für die Aufgaben des Pfarrers?
Zimmermann meint, man kann
„als Primärziel pastoralen Handelns den Aufbau und die Aktivierung ‘sozialer Beziehungsnetze’ als Träger und Plausibilitätsstruktur christlicher Sinngehalte kennzeichnen“ S. 291
„Amtshandlungen und Kirchenbesuch hingegen sind für Gabriel als Indikator pastoralen Erfolgs unzureichend. Als „Globalindikator“ dürfte „die Zahl und insbesondere die Vielfalt (Spannweite, Differenziertheit) von ‘sozialen Beziehungsnetzen’, in denen christliche Sinngehalte zum Ausdruck kommen, einer ‘Messung’ pastoralen Erfolgs am nächsten kommen“ S. 292
Diese Prioritätssetzung hat Folgen für alle Teildisziplinen der Praktischen Theologie.
Alle Tätigkeiten (Gottesdienst, Seelsorge, Diakonie, Bildung, Öffentlichkeitsarbeit, Amtsverständnis) müssen also so gestaltet werden, dass sie in den Gemeindeaufbau einbezogen werden und den Anforderungen an die „neue“ Pastoral entsprechen.
Diese „neue“ Pastoral setzt auf missionarische Ausstrahlung von gelebten verbindlichen Gemeinden und Evangelisation statt auf die Alternative „Wiederherstellung der Volkskirche mit dem Ideal der „christentümlichen Gesellschaft“ .
Die alte Pastoral lässt sich so zusammenfassen:
• Kirchenmitgliedschaft ist selbstverständlich
• die „primäre Religion“ wird fast ausschließlich fokussiert
• die „Betreuungskirche“ ist Normalfal
• Kirche sieht ihre Aufgabe als „religiöse Dienstleistungen“
Vgl. S. 276ff
Für eine Übergangszeit gilt aber:
„Insgesamt ergibt sich so eine Doppelstrategie, die einerseits darin besteht, noch vorhandene volkskirchliche Plausibilitätsstrukturen zu erhalten. Zugleich und vor allem besteht die Aufgabe für den Gemeindeaufbau darin, Brücken hin zu „neuen“ Plausibilitätsstrukturen zu schlagen und „neue“ Strukturen zu bilden“ S. 279
Mich interessieren besonders die Ergebnisse für den Bereich der Seelsorgepraxis.
Und Zimmermann kann überzeugende Argument für eine Seelsorgepraxis zusammentragen, die zugleicht den Gemeindeaufbau fördert.
Die Spitzenthese Zimmermanns „Seelsorge ist Gemeindeaufbau“ begründet er so:
„Auf der einen Seite ist Seelsorge Ziel des Gemeindeaufbaus; „Gemeindeaufbau“ hat die Aufgabe,Seelsorge in der Gemeinde und durch die Gemeinde zu ermöglichen und zu fördern.Umgekehrt ist Gemeindeaufbau Ziel der Seelsorge; mehr noch: Insofern Seelsorge „Erbauung“ im Sinne der οἳκοδομή bewirkt, kann man sagen: Seelsorge ist Gemeindeaufbau.“ S. 208
Seine Seelsorgedefinition:
Seelsorge ist „der Auftrag der Gemeinde Jesu Christi, den Einzelnen
im Glauben zu fördern und im Leben zu begleiten“.S. 211
Die Konsequenzen formuliert er so:
5.7.4 „Im Glauben fördern und im Leben begleiten“ kann in drei Bereiche differenziert werden: Zum Glauben hinführen (a) – im Glauben stärken und vergewissern (b) – zum Wachstum im Glauben verhelfen (c). Wenn bei diesen Bereichen nur noch vom „Glauben“ und nicht mehr vom „Leben“ die Rede ist, so bedeutet das nicht, dass dieses ausgeklammert wäre. Die Hinführung, Stärkung und das Wachstum im Glauben erfolgen nicht abstrakt, sondern in konkreten Lebenssituationen, in denen sich Glaubensförderung und Lebensbegleitung verschränken.“
S. 211
Mein Anliegen ist die Gründung von Endlich-Leben-Gruppen. Und die können sehr fruchtbar in diese Zielsetzung eingebunden werden:
Sie nehmen eine Zwischenpositition ein zwischen Modellen, die zum Glauben hinführen und zum Wachstum im Glauben verhelfen. Da sie dabei ausdrücklich an der Selbsterfahrung der Menschen anknüpfen, wird dieses Angebot für die Menschen im 21. Jahrhundert sehr plausibel.
Dabei können sich endlich-leben-Gruppen als eine wichtige Form (Zellenbildung) gut in eine größere Palette von seelsorgerlichen Diensten einordnen lassen:
Mehr? Hier findet ihr die gesamte Rezension von mir…
P.S. mir lag noch eine interne Ausgabe der Habilitationsschrift vor, so dass die Seitenzahlen zur Zeit leider nicht mit der Buchversion übereinstimmen.
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Schlagwörter:gemeinschaft, seelsorge
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